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Weinfest, deutsches Rentensystem, Norwegen und das Altersvorsorgedepot

Auf einem Weinfest neulich habe ich zwanglos einem Gespräch zugehört. Es ging um Sozialabgaben, um die Rentenversicherung, um das, was am Ende übrig bleibt. Einer meiner Bekannten sagte irgendwann: „Da gebe ich jeden Monat etwas ab und bekomme am Ende dafür noch nicht mal etwas."

Der Satz hat gesessen. Weil er einfach ist. Und weil er im Kern stimmt.

Das deutsche Rentensystem und was Norwegen anders macht

Das deutsche Rentensystem basiert überwiegend auf dem Umlageverfahren. Die Beiträge der heutigen Arbeitnehmer werden nicht investiert, sondern nahezu unmittelbar an die heutigen Rentner ausgezahlt. Es entsteht kein Kapitalstock, der langfristig Renditen erwirtschaftet. Stattdessen ist das System darauf angewiesen, dass genügend Menschen arbeiten und einzahlen. Durch den demografischen Wandel, eine alternde Bevölkerung und sinkende Geburtenzahlen, gerät dieses Modell zunehmend unter Druck.

Mein Bekannter auf dem Weinfest hat das auf seine Art präzise beschrieben: Du zahlst ein, aber das Geld arbeitet nicht für dich. Es geht sofort weiter.

Ein Blick nach Norwegen zeigt, wie es auch anders geht. Zwischen 1996 und Ende 2025 hat der norwegische Staat insgesamt rund 487 Milliarden Euro in seinen Staatsfonds eingezahlt. Zum Ende des ersten Quartals 2026 lag das Vermögen des Fonds bei rund 1,8 Billionen Euro. Das Kapital hat sich also fast auf das Vierfache des eingezahlten Betrags vermehrt, allein durch Investitionen in Aktien, Anleihen, Immobilien und Infrastruktur weltweit. 2025 erzielte der Fonds eine Rendite von 15,1 Prozent und hält Anteile an rund 7.200 Unternehmen weltweit.

Das Geld stammt ursprünglich aus den Einnahmen der norwegischen Öl- und Gasförderung. Aber der entscheidende Punkt ist nicht das Öl. Es ist die Entscheidung, dieses Geld nicht für den laufenden Konsum zu verwenden, sondern konsequent zu investieren, über Jahrzehnte, generationenübergreifend.

Norwegen ist kein perfektes Modell und auch nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragbar. Der Staatsfonds wurde auf der Grundlage außergewöhnlicher Rohstoffeinnahmen aufgebaut, eine Ausgangslage, die Deutschland nicht hatte. Aber der Vergleich zeigt, wie unterschiedlich zwei Länder mit der Frage umgehen können: Wie sichern wir den Wohlstand zukünftiger Generationen? Norwegen setzt auf langfristigen Vermögensaufbau und Kapitalerträge. Deutschland setzt auf den Generationenvertrag und laufende Beiträge.

Das Altersvorsorgedepot: Was es ist und was es kann

Ab dem 1. Januar 2027 startet das Altersvorsorgedepot als Nachfolger der Riester-Rente. Das Prinzip: Du zahlst regelmäßig ein, der Staat fördert, das Geld arbeitet am Kapitalmarkt.

Die Förderstruktur ist deutlich attraktiver als bei Riester. Für die ersten 360 Euro Eigenbeitrag im Jahr gibt es 50 Cent pro eingezahltem Euro, also maximal 180 Euro vom Staat. Für weitere Einzahlungen bis zur Grenze von 1.800 Euro im Jahr kommen noch einmal 25 Cent pro Euro hinzu. Die maximale Grundzulage beträgt damit 540 Euro pro Jahr, dreimal so viel wie bei Riester. Wer Kinder hat, bekommt zusätzlich bis zu 300 Euro Kinderzulage pro Kind. Berufseinsteiger unter 25 erhalten einmalig 200 Euro Startbonus. Und erstmals sind auch Selbstständige und Freiberufler förderberechtigt.

Der größte Unterschied zum Vorgängerprodukt ist jedoch ein anderer: kein Garantiezwang mehr. Wer eine hohe Beitragsgarantie wählt, zwingt den Anbieter dazu, den Großteil des Kapitals in sichere, aber renditeschwache Anlagen zu stecken. Nur ein kleiner Rest kann wirklich am Kapitalmarkt arbeiten. Die Garantie klingt beruhigend, wirkt aber wie eine Bremse auf die Rendite. Wer das Altersvorsorgedepot ohne Garantie wählt, kann sein gesamtes Kapital langfristig in ETFs und Fonds investieren. Historisch hat ein breit gestreutes Aktienportfolio über mehrere Jahrzehnte eine durchschnittliche Rendite von rund 6 bis 8 Prozent pro Jahr erzielt. Das ist kein Versprechen, aber es zeigt, was langfristig möglich ist, wenn Kapital wirklich arbeiten darf.

Wie groß ist die Lücke wirklich ist und was kann das Depot schließen?

Reden wir über Zahlen. Nicht über abstrakte Prozentwerte, sondern über eine konkrete Person.

Stell dir einen 28-jährigen Bachelorabsolventen vor, der heute 70.000 Euro brutto im Jahr verdient und gerade ins Berufsleben gestartet ist. Die Grundlage der Rentenberechnung sind Entgeltpunkte: Das Jahresbrutto wird durch das Durchschnittsentgelt aller Versicherten geteilt. 2026 liegt dieses Durchschnittsentgelt bei 51.944 Euro, ein Punkt ist seit Juli 2026 monatlich 42,52 Euro wert.

Bei 70.000 Euro Jahresgehalt sammelt er 1,35 Entgeltpunkte pro Jahr. Angenommen, er arbeitet bis 67, das sind 39 Beitragsjahre. In Summe ergibt das rund 52,6 Punkte und damit eine Bruttorente von etwa 2.238 Euro pro Monat. Nach Abzug von Kranken- und Pflegeversicherung bleiben ihm netto rund 1.990 Euro.

Klingt zunächst solide. Bis man es mit seinem heutigen Nettoeinkommen vergleicht.

Bei 70.000 Euro brutto bleiben ihm heute nach Steuern und Sozialabgaben rund 3.700 Euro netto pro Monat. Die Versorgungslücke beträgt damit knapp 1.700 Euro pro Monat. Das ist fast die Hälfte seines heutigen Nettoeinkommens, die im Alter fehlt.

Zum Vergleich: Die Eckrente, also die Standardrente für jemanden, der 45 Jahre lang exakt das Durchschnittseinkommen verdient hat, liegt aktuell bei rund 1.835 Euro brutto. Das Rentenniveau beträgt 48 Prozent und ist bis 2031 gesetzlich gesichert. Wer deutlich über dem Durchschnitt verdient, erhält zwar eine höhere Rente, aber die Lücke zum gewohnten Lebensstandard wächst proportional mit.

Was kann das Altersvorsorgedepot davon schließen? Nehmen wir an, er zahlt ab sofort monatlich 150 Euro ein, also den Betrag, der die maximale Grundzulage von 540 Euro im Jahr auslöst. Das ergibt eine jährliche Gesamteinzahlung von 1.800 Euro, davon 1.260 Euro Eigenanteil und 540 Euro vom Staat. Bei einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 6 Prozent über 39 Jahre ergibt das ein Gesamtkapital von rund 270.000 Euro bei Renteneintritt. Entnimmt er dieses Kapital über 20 Jahre, stehen ihm monatlich rund 1.125 Euro zusätzlich zur Verfügung.

Das ist nicht nichts. Aber es schließt die Lücke nicht. Es bleiben rund 575 Euro pro Monat ungedeckt, und das unter optimistischen Annahmen.

Das Altersvorsorgedepot ist ein Baustein. Kein System

Das Altersvorsorgedepot ist ein wichtiger Schritt. Es macht staatlich geförderte Vorsorge erstmals wirklich attraktiv und öffnet sie für eine breitere Gruppe von Menschen. Aber es löst die strukturellen Probleme des deutschen Rentensystems nicht. Das Umlageverfahren bleibt das Fundament. Der demografische Druck bleibt. Die Rentenlücke bleibt.

Was bleibt, ist die Konsequenz daraus: Wer heute arbeitet, sollte nicht darauf warten, dass das System das Problem löst. Das Altersvorsorgedepot ist das beste Werkzeug, das der Staat gerade zur Verfügung stellt. Aber wer seine Versorgungslücke wirklich schließen will, braucht mehr als ein Depot. Er braucht eine durchdachte Strategie, die seinen Liquiditätsbedarf im Lebensverlauf berücksichtigt, die Steuerlast im Alter im Blick hat und verschiedene Vorsorgebausteine sinnvoll miteinander verbindet.

Das Altersvorsorgedepot ist ein guter Anfang. Aber es ist nur ein Anfang.

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