Das Altersvorsorgedepot ab 2027: Ein Instrument, drei Wege, eine Entscheidung
Ab dem 1. Januar 2027 startet das Altersvorsorgedepot als staatlich geförderter Nachfolger der Riester-Rente. Was in der öffentlichen Diskussion bisher kaum angekommen ist: Das AV-Depot kann weit mehr als klassische Altersvorsorge. Wer die Möglichkeiten kennt, hat ein Instrument in der Hand das je nach Lebenssituation völlig unterschiedlich eingesetzt werden kann.
Bevor wir die drei Einsatzmöglichkeiten im Detail betrachten, lohnt sich ein Blick auf eine Frage, die dabei oft übersehen wird: Was will ich mit dem AV-Depot eigentlich erreichen?
Starke Förderung. Aber Förderung allein ist noch keine Strategie.
Das AV-Depot ist ein außergewöhnlich gut gefördertes Instrument. Aber auch die attraktivste Förderung ersetzt keine durchdachte Strategie. Wer sich ein AV-Depot bei einem Neo-Broker einrichtet und monatlich einzahlt, macht etwas richtig. Aber echte Vorsorgeplanung bedeutet mehr.
Selbst wer den maximalen Eigenbeitrag von 1.800 Euro im Jahr vollständig ausschöpft, wird damit alleine seine Versorgungslücke im Alter nicht schließen können. Bei einem 28-jährigen Gutverdiener mit 70.000 Euro Jahresgehalt beträgt die monatliche Versorgungslücke im Alter knapp 1.700 Euro. Das AV-Depot kann davon rund 1.125 Euro abdecken. Der Rest bleibt offen.
Hinzu kommt, dass die richtige Nutzung des AV-Depots von Fragen abhängt, die weit über die Wahl eines Sparplans hinausgehen:
Welchen Kapitalbedarf habe ich im Laufe meines Lebens und zu welchem Zeitpunkt? Wer in fünf Jahren ein Eigenheim kaufen möchte, braucht eine andere Struktur als jemand, der das nicht plant.
Plane ich Wohneigentum oder Kinder? Beides verändert die optimale Nutzung des AV-Depots erheblich, sowohl in der Beitragshöhe als auch in der gewählten Verwendungsart.
Wie lässt sich die Steuerlast im Alter gezielt senken? Das AV-Depot wird nachgelagert besteuert, aber es gibt weitere Stellschrauben, die nur im Gesamtbild sichtbar werden.
Was passiert wenn sich meine Lebenssituation ändert? Vorsorge muss flexibel genug sein um auf Veränderungen reagieren zu können.
Dieser Blogbeitrag soll eine erste Orientierung geben. Die Antworten auf diese Fragen sind individuell. Was das AV-Depot leisten kann, hängt davon ab wie man es einsetzt.
Die drei Einsatzmöglichkeiten im Detail
Möglichkeit 1: Das AV-Depot als Altersvorsorge
Das ist die bekannteste Verwendung und gleichzeitig die, für die das Depot ursprünglich konzipiert wurde. Das Prinzip: Monatlich einzahlen, staatliche Förderung kassieren, das Kapital langfristig am Kapitalmarkt arbeiten lassen.
Die Förderstruktur ist deutlich attraktiver als bei Riester. Für die ersten 360 Euro Eigenbeitrag im Jahr gibt es 50 Cent pro eingezahltem Euro, also maximal 180 Euro vom Staat. Für weitere Einzahlungen bis zur Grenze von 1.800 Euro im Jahr kommen noch einmal 25 Cent pro Euro hinzu, also bis zu 360 Euro zusätzlich. Die maximale Grundzulage beträgt damit 540 Euro pro Jahr, dreimal so viel wie bei Riester. Hinzu kommen bis zu 300 Euro Kinderzulage pro Kind, 200 Euro Startbonus für Berufseinsteiger unter 25 sowie ein Geringverdiener-Bonus von 175 Euro pro Jahr für Einkommen unter 26.250 Euro brutto.
Besonders bemerkenswert ist die Förderung im ersten Segment: Wer 30 Euro im Monat einzahlt, also 360 Euro im Jahr, erhält 180 Euro vom Staat dazu. Das entspricht einer Förderquote von 50 Prozent, also 50 Cent auf jeden eingezahlten Euro. Eine staatliche Förderung in dieser Höhe hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. Wer den maximalen Eigenbeitrag von 1.800 Euro im Jahr ausschöpft, erhält in Summe 540 Euro staatliche Grundzulage, was einer Gesamtförderquote von 30 Prozent entspricht. Die Quote sinkt mit steigendem Beitrag leicht, weil die höhere Förderung nur für die ersten 360 Euro gilt. Trotzdem bleibt die Förderung auch bei voller Ausschöpfung außergewöhnlich attraktiv.
Der entscheidende Unterschied zu Riester: kein Garantiezwang. Wer ohne Beitragsgarantie spart, kann sein gesamtes Kapital langfristig in ETFs und Fonds investieren. Historisch hat ein breit gestreutes Aktienportfolio über mehrere Jahrzehnte eine durchschnittliche Rendite von 6 bis 8 Prozent pro Jahr erzielt. Die Beitragsgarantie hat bei Riester nicht geschützt, sie hat gebremst. Das AV-Depot macht echte Kapitalmarktrenditen erstmals im Rahmen staatlicher Förderung möglich.
Während der Ansparphase bleiben Erträge vollständig steuerfrei. Die Besteuerung erfolgt erst in der Auszahlungsphase, zu einem dann meist niedrigeren persönlichen Steuersatz. Zusätzlich können Einzahlungen und Zulagen als Sonderausgaben geltend gemacht werden.
Das AV-Depot und die wohnwirtschaftliche Verwendung
Was viele noch nicht wissen: Das AV-Depot darf gemäß § 92a EStG auch zu wohnwirtschaftlichen Zwecken genutzt werden. Das angesparte Kapital kann förderunschädlich für den Kauf, den Bau oder die energetische Sanierung einer selbstgenutzten Immobilie entnommen werden. Die erhaltenen Zulagen müssen dabei nicht zurückgezahlt werden. Daraus ergeben sich zwei konkrete Einsatzmöglichkeiten.
Möglichkeit 2: Das AV-Depot als Immo-Depot
Das macht das AV-Depot zu einem interessanten Werkzeug für alle, die langfristig ein Eigenheim anstreben. Statt das Eigenkapital auf einem klassischen Sparkonto oder Tagesgeldkonto aufzubauen, geschieht das hier mit staatlicher Förderung und Kapitalmarktrendite.
Ein konkretes Beispiel: 28 Jahre alt, 150 Euro monatlicher Eigenbeitrag, Ziel 50.000 Euro Eigenkapital. Mit Staatszulagen, Steuererstattung und Zinseszins ist dieses Ziel in 12,8 Jahren erreicht, also mit 41 Jahren. Ohne Förderung, bei gleicher Sparrate, würde es 16,4 Jahre dauern. Der Vorsprung durch die staatliche Förderung beträgt 3,6 Jahre. In Zeiten steigender Immobilienpreise, bei denen das benötigte Eigenkapital immer größer wird, kann dieser Vorsprung den Unterschied machen zwischen einer Finanzierungszusage und einem weiteren Jahr Warten.
Ein wichtiger Hinweis: Die wohnwirtschaftliche Verwendung ist nicht automatisch in jedem AV-Depot-Vertrag enthalten. Wer plant, das Depot später für eine Immobilie zu nutzen, muss beim Vertragsabschluss gezielt einen Anbieter wählen, der diese Option anbietet.
Möglichkeit 3: Das AV-Depot zur vorzeitigen Restschuldablösung
Die dritte Möglichkeit ist die, die in der Beratungspraxis am wenigsten bekannt ist und gleichzeitig die größten finanziellen Auswirkungen haben kann.
Das Prinzip: Das AV-Depot wird parallel zu einem laufenden Immobilienkredit bespart. Sobald das Depotguthaben die verbleibende Restschuld erreicht, wird der Kredit vollständig abgelöst. Das Ergebnis: eine deutlich kürzere Kreditlaufzeit und eine erhebliche Zinsenersparnis.
Ein konkretes Beispiel: 28 Jahre alt, 150 Euro monatlicher Eigenbeitrag, Darlehenssumme 50.000 Euro, anfängliche Tilgung 1,5 Prozent, Sollzins 4 Prozent. Das AV-Depot wächst parallel zum laufenden Kredit und erreicht die Restschuld nach 10,9 Jahren. Regulär hätte die Tilgung 32,5 Jahre gedauert. Der Kredit wird damit 21,6 Jahre früher abgelöst. Die Zinsenersparnis beträgt 19.726 Euro.
Das ist kein marginaler Effekt. Es ist ein struktureller Vorteil, der durch die Kombination aus staatlicher Förderung und Kapitalmarktrendite entsteht und den ein klassischer Sparplan ohne Förderung so nicht erreichen würde.
Was alle drei Möglichkeiten verbinden
Dasselbe Instrument, drei völlig unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten. Welche davon sinnvoll ist, hängt nicht vom Produkt ab, sondern von der Lebenssituation: Wer noch kein Eigenkapital hat, für den ist das Immo-Depot relevant. Wer bereits finanziert, für den kann die Restschuldablösung der stärkere Hebel sein. Und wer beides bereits abgedeckt hat, nutzt das Depot für das, wofür es ursprünglich gedacht war: die Altersvorsorge.
Die Entscheidung welche Variante passt, ist keine Produktentscheidung. Es ist eine strategische Entscheidung, die von der eigenen Lebenssituation, dem Liquiditätsbedarf und den langfristigen Zielen abhängt.